Donnerstag, 21. Mai 2009

Frigga Haug: Das Sexuelle und das Politische - ein Zusammenhang in Bewegung -

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Die Organisatorinnen
und Frigga Haug
Am Freitag 15.05.2009 sprach Frigga Haug im Rahmen DenkRÄUMEDenkRÄUME ist eine neue Veranstaltungsreihe im EVAngelischen Frauenbegegnungszentrum, Frankfurt/Main. Frauen sind eingeladen, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsam zu denken. Bekannte feministische Vordenkerinnen halten Referate und danach gibt es Gelegenheit zum Austausch. über „Das Sexuelle und das Politische“. Eli Wolf, Pfarrerin und verantwortlich für den Veranstaltungsort EVA, führte in die Veranstaltung ein und berichtet, dass DenkRÄUME aus einer Idee von Sylvia und Konny entstanden sei.

 
Und ich kann euch sagen, das war ein echtes Zuckerle, was Sylvia und Konny uns diesmal ermöglichten.

Der Vortrag von Frigga Haug

Frigga Haug spricht frei und nur anhand von Notizen. Die ganze Zeit über fühlte ich mich, als könnte die Situation in einem gemütlichen Wohnzimmer vor prasselndem Kamin stattfinden, bei dem Frau Haug von Erlebnissen und Überzeugungen berichtete.

Sie erzählt, dass Frauenpolitik für sie unterdessen zu einem Synonym für Langeweile verkommen sei. Alles, was in der Gesellschaft in Unordnung geraten sei, würde Frauen zugeordnet und damit marginalisiert.

Sie erklärt, dass in ihrem Berichten es immer ein unterschiedliches "Wir" gäbe, mit dem sie erzählt, Gruppen von Frauen, mit denen sie etwas unternommen hatte.

Ihre Frauengeschichte

Zusammen mit einer Gruppe von Frauen brachten sie 1962 zum ersten Mal das Thema "Sexualität und Herrschaft" in die Universität. Sie berichtete wie sie 1983, mit einer anderen Gruppe von Frauen, Teile ihres eigenen, weiblichen Körpers beschrieben, der ihnen nicht gefällt oder Sorgen machte und stellten dabei fest, dass dieser ihnen enteignet sei. Die Fragen und Sexualisierung des weiblichen Körpers wären allgemein.
In Amanda, ein Hexenroman von Irmtraud Morgner ziehe sich wie ein roter Faden die Idee von der "geteilten Frau" durch die Geschichten.

Sie kommt auf Rosa Luxemburg und die Kunst der Politik und fragt: "Wie machen wir revolutionäre Realpolitik?"

Die Ariadne-Krimi-Reihe

ariadne-krimis
Der Siegeszug der Ariadne-Krimis begann 1988. Ein Jahr zuvor hatte Womens Press begonnen, feministische Frauenkrimis herauszubringen, für die sie um Rezensionen angefragt wurden. Sie stellten fest, dass sie auch gerne Krimis lasen und so begann ein
(...) Projekt (...) im Zeitgeist, weil Krimis gewünschte Unterhaltungsliteratur waren, und wollte in ihm eingreifen.

Quelle: Das Argument 278, Seite 546
Sie übernahmen dabei den Kulturbegriff von Antonio Gramsci:
Gramsci, der Kultur also als Ressource von gesellschaftlichem Sinn und Erkenntnis betrachtet, verlangt konkret die Schaffung einer neuen Literatur, deren Güte daran zu messen ist, ob "das Volk" sie aufgreift - ein Maßstab, der das Vordringen aufklärerischer Inhalte in populäre Genres zwingend verlangt.
(...)
Gramscis Forderung und Entwurf passte sofort wie maßgeschneidert auf das Ariadne-Krimi-Projekt: Es wandte sich ja gegen die willkür der sexistisch besetzten Rollen im Genre Kriminalroman, die in der populären, volkstümlichen Gattung wurzelten, um das immanente Geschlechtsrollenkonzept radikal zu erneuern.

Quelle: Das Argument 278, S. 548f.
Später gab es noch ein Diskussionsforum, durch das sie mit den Leserinnen kommunizieren konnten.

Die sexuelle Unterwerfung sei allgemein, egal ob Hetera oder Lesbe. Mit den Krimis begannen sie ein Tabubruch im Genre, in dem Frauen immer Opfer waren. Zusätzlich war jeder zweite Krimi, den sie herausbrachten, ein Lesbenkrimi.

Sexszenen Tabubruch

Die Lesbenkrimis mit ihren Sexszenen waren wichtig, weil sie das Tabu brachen, dass Frauen nur für Männer da sein sollten.

Es war amüsant, Frigga Haug zuzuhören, wie sie erzählte, dass es bei einer Autorin bei jedem neuen Buch immer längere Sexszenen gegeben habe: Erst eine Seite, dann zwei, dann bis zu sechs Seiten. Und als Hetera fragte sie sich, wann die Szenen endlich vorbei seien. Später hätte sie erfahren, dass die Lektorin oder Verlegerin mit der Autorin zusammen gewesen war und diese die Darstellung von ihrer Autorin gewünscht hätte. Nachdem diese Lektorin oder Verlegerin verstorben sei, wären die Sexszenen weniger geworden bis ganz verschwunden.

Das Ende

Es war nicht nur die Übernahme und Vereinnahmung des Themas und der Autorinnen durch etablierte Verlage, die gegen 1996 zum „Ende des Höhenflugs“ der Reihe führten: Die Krimis ähnelten sich immer mehr: Stets lange Sonnenuntergänge und ewige Harmonie. Die reinen Frauengesellschaften wurden immer kitschiger.

Lesbischsein

Auch das politische Moment, der Tabubruch, den die Lesbenkrimis darstellten, gab es nicht mehr, weil Lesbischsein mit Schicksein, Modernsein gleichgesetzt würde:

  • der Lesbianismus sei politisch revolutionär, solange er nicht allgemein und anerkannt sei, solange er noch Widerstand und Kampf gegen Normalität böte
  • Lesbianismus sei keine Qualität an sich
  • Lesbianismus sei nun salonfähig, könne gut vermarktet werden, liberale Forderungen wie die Homo-Ehe, zeigen die Biederkeit auf
Es wären viele Siege errungen, ein "everything goes" wäre nun möglich. Aber alle Errungenschaften lassen das Fundament unangetastet. Frauen würden immer noch marginalisiert. Der Hass auf Frauen sei immer noch vorhanden. Und der Fundamentalismus lauere...

Eine neuer Blick

Unterdessen würden im Verlagsprogramm der Krimi-Reihe immer mehr deutsche Autorinnen aufgenommen. Darunter Christine Lehmann, die mit der Protagonistin Lisa Nerz, die Geschlechtergrenzen aufhebe.
In ihren Krimis missachtet Lehman gängige Rollen- und Verhaltensmuster und probiert in scheinbar banalen Alltagssituationen aus, was passiert, wenn sich die Figuren anders verhalten, als man es üblicherweise erwartet.

wikipedia.de Christine Lehmann


Die Vier-in-einem-Perspektive


Der Neoliberalismus, das „Alles geht“ sei am Brechen. Durch die Finanzkrise würde die alte Moral wieder „modern“, Der Fundamentalismus und Reaktionäres kröche hervor. Es gäbe einen Rechtsruck im Land.

Es sei Zeit über eine neue Gesellschaft nachzudenken, in der die Verhältnisse von Arbeit zu Reproduktionsleistung zu Selbstverwirklichung zu Politischsein neuzugestalten sei.

Diese vier Bereiche des Lebens sollten allen Menschen ermöglicht werden, um so revolutionäre Realpolitik zu schaffen. Wären wir 16 Stunden am Tag produktiv, könne die Aufteilung des Tages wie folgt aussehen:

4 Stunden Erwerb Erwerbsarbeit Geld verdienen, Beruf ausüben 4 Stunden Reproduktion Reproduktionsarbeit, sich kümmern um die Natur, Sorge um Menschen, leben, menschliche Bereiche
4 Stunden Politik politischer Eingriff 4 Stunden Kultur schöpferische Entwicklung, Fähigkeit, Kreativität

Diskussion

In der Diskussion konnte sich nicht so recht angefreundet werden, mit der „Vierteilung des Tages“, weil Erwerbsarbeit als ein sehr wichtiger Punkt für die Selbstverwirklichung angesehen wurde.

Auf die Frage nach dem politischen wir, dass „wir“ verloren hätten, aufgrund der Auflösung von Geschlecht wie es Judith Butler formuliere, meinte sie, das dies tatsächlich ein Problem darstelle - diese kritische Ansicht von ihr war bemerkenswert, weil sie selbst die Theorie von Butler in ihrem Vortrag gerne nutzte.

Witzig und interessant war der Aspekt in der Diskussion, dass viele Dinge womöglich heute so nicht mehr gemacht werden können/ sollen oder weiter zu denken sind, dass sie aber damals wichtig und richtig waren: z.B. Frauenhäuser, Verbrennen von BHs.

Resümee

Es war interessant die Ursprungsgeschichte der Ariadne-Krimi-Reihe zu hören. Ich habe die ersten Krimis als Nichtkrimileserin noch gelesen. Stoner McTavish, Wenn die grauen Falter fliegen und Der Porno-Kongress waren mir ein Begriff.
Mir gefiel es, dass Frau Haug nicht radikal für eine Position plädierte (selbst ihre Partei betrachtete sie mit feministischem Abstand), wenn es auch eine Position gab, die sie nie verließ: Für Frauen und eine gerechtere Welt. Der Weg dahin ist unterschiedlich.
Frau Haug gab viel Stoff zum Denken. Meine Frau und ich haben hinterher stundenlang über die Ideen diskutiert.

Ich freue mich schon auf die nächste Veranstaltung der Reihe DenkRÄUME.
Weitere Infos

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