Samstag, 22. Januar 2011

Die Ersten werden die Letzten sein - Lesben in der DDR Vortrag von Samirah Kenawi im Lescafé am 16.01.2011

IMG_0451Letzten Sonntag gingen meine Frau, ich und zwei Freundinnen nach langer Zeit mal wieder ins LesCafé in Frankfurt. Es sollte ab 18 Uhr einen Vortrag über die Lesbenbewegung in der DDR geben.

Grübelnder Gedankengang:
Auch sonst scheint das Café eine breitere "Themenvielfalt" bieten zu wollen, so dass es unter Umständen ein netter kultureller Treffpunkt am Sonntagnachmittag für Lesben werden könnte. Was mir persönlich, wenn ich so darüber nachgrübele sehr gefallen würde...


In der Einführung zur Veranstaltung berichtet Karin vom Lesbenarchiv über ihre Internetrecherche zu Lesben und DDR. Sie konnte zu diesem Thema kaum etwas finden, wohingegen Männer, respektive Schwule immer auftauchten. Dabei war sie auf der Suche nach einer Visualisierung des Themas. Letztendlich kreierte sie eigentständig ein Bild, das das Veranstaltungsthema verbildlichte.


Über die Vortragende

Samirah Kenawi berichtete über sich, dass sie aus Ostberlin käme, 1983-1988 in Dresden studiert habe und in Berlin in der Lesben"Bewegung" beteiligt gewesen war. 1988 arbeitete sie in der Frauenbibliothek und baute das Archiv "Grauzone" in Ostberlin auf.

Samirah Kenawi Geb. 1962 in Ostberlin. Ab 1984 in verschiedenen DDR-Frauengruppen und Netzwerken aktiv und nahm im Herbst 1989 an Gründung und Aufbau des Unabhängigen Frauenverband (UFV) teil. Seit 1988 baute sie eine Frauenbibliothek sowie ein Archiv zur ostdeutschen Frauenbewegung auf. Über das Archiv Grauzone – die umfassendste Sammlung zur DDR-Frauenbewegung – veröffentlichte sie mehrere Artikel sowie eine Dokumentation und ein Bestandsverzeichnis. Quelle: boell-sachsen-anhalt.de
Vortrag

IMG_0438Plakativ eröffnete Samirah Kenawi ihren Vortrag über die Anfänge der Lesbenbewegung in der DDR, dass diese im Dunkeln lägen.

Es gab keine Vereine. Veranstaltungen, Feiern geschahen privat in Gaststätten. Einladungen wurden im Postkartenformat auf Fotopapier verteilt. Denn die Fototechnik war die einzige Möglichkeit, zu vervielfältigen. Es gab keine Kopierer, die genutzt werden konnten.

1982 war das Jahr des Aufbruchs. Die evangelische Akademie Brandenburg arbeitete über das Thema "Homosexualität ein Tabu".

Homosexualität und Kirche

Warum es in der DDR die Besonderheit gab, sich unter dem Dach der Kirche zu treffen, hatte u.a. mit dem besonderen Verhältnis der Kirche zum Staat zu tun: 1976 verbrannte sich der Pfarrer Oskar Brüsewitz selbst in der Öffentlichkeit. Am 6. März 1978 kam es zum Grundsatzgespräch von Staat und Kirche, mit dem Ergebnis, mehr Freiheiten für die Kirchenmitarbeiter zu gewähren: Versammlungen ohne staatliche Genehmigung, Reisefreiheiten für Kirchenmitglieder, Bücher für den innerkirchlichen Dienstgebrauch u.a..
So wurden Treffen von Gruppen unter dem Dach der Kirche möglich ohne staatliche Anmeldung. Zuvor mussten alle Veranstaltungen staatliche angemeldet werden.

So sind viele Lesben, obwohl sie nicht gläubig waren, durch ihr Lesbischsein in die Kirche geraten.

... in Bewegung

Die Frauen trafen sich mit unterschiedlichen Weggefährten, es kein starer Separatismus. Auch war die Möglichkeit sich zu treffen nicht so groß. Es gab gemischte Arbeitskreise von Schwulen und Lesben. Es gab immer Kompromisse, die geschlossen werden musst.

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In Berlin 1983 wurde ein Raum gemeinsam für Lesben und Schwule zur Verfügung gestellt. So wurde vereinbart, ein Abend mit Schwulen- und der der nächste Abend mit Lesbenthemen im Wechsel zu verbringen. Der erste Abend gehörte den Schwulen und sie berichteten von ihren Probleme. Dann am Lesbenabend hatten die Schwulen viel über das Thema zu sagen. Die Lesben kamen kaum zu Wort. Deshalb wollten die Lesben getrennte Veranstaltungen.

1985 gab es in Dresden ein Lesbentreffen. Es wurde die Bezeichnung Frauenfest gewählt, um die Schwelle zu senken, daran teilzunehmen. Es kamen über 100 Frauen, wo sonst nur bis ca. 10 Lesben sich versammelten. Die Veranstaltungsräume waren in der evangelischen Kirche. Hierzu wurde ein Pfarrer benötigt, der die Kirche zur Verfügung stellt und den Mut hat, die Verantwortung gegenüber der Kirchenleitung zu übernehmen. Denn die Institution Kirche war nicht plötzlich homophil geworden!

Kinderbetreuung

Bei den Veranstaltungen, waren Kinder auch immer dabei. Es war selbstverständlich, dass Frau Kind hatte. Erklärungsbedürftig war eher das Gegenteil. Und so war die Kinderbetreuung auch immer mit organisiert.

Selbstorganisiert und selbstfinanziert

Geld spielte in der Lesbenbewegung der DDR keine Rolle. Alles war selbst finanziert und organisiert. Die Vorträge wurden ehrenamtlich gehalten. Die Teilnahmegebühr betrug zwischen 10-15 Mark. Damit war Wochenende einschließlich Essen finanziert.

Das Wochenende wurde mit Programm gestaltet. Es gab Gruppen zu den unterschiedlichsten Themen, abends Feste mit Veranstaltungen (Konzerte etc.), und Tanzen.

Die Frauenfeste hatten übergreifende Themen. 1985 wurde zu "Lesbische Liebe in der Literatur" gearbeitet, 1986 gab es das Thema "Frau zwischen Job und Selbstverwirklichung" und 1987: Macht in Beziehungen. (Gewalt gegen Frauen) Durch die letzte Veranstaltung wurden 1989 Frauenhäuser in DDR gegründet. Vorher gab es nur ein "Haus Lebenshilfe" von der Caritas.

Bewegung außerhalb der Kirche

Neben der Kirche tat sich eine Lesbenbewegung auf, in der die älteren Frauen zu finden waren. Es gab Frauengruppentreffen zu Pfingsten in Jena. Diese waren hervorgegangen aus Frauentreffen für den Frieden.

Es entstanden eigene Netzwerke ab 1984. Denn sie stellten fest, dass es besser ohne Männer geht. Eigene Ideen konnten entwickelt werden. Es wurde sich gegenseitig zugehört.

Die Treffen mit ca. 200 Frauen fanden jeweils in einer anderen Stadt statt. Es beteiligten sich "alle möglichen Frauen".

Das "Mitarbeitertreffen Arbeitskreis Homosexualität" arbeitete mit den Schwulen zusammen. Sie mieteten, um sich sichtbar zu werden, eine Straßenbahn und machten eine Rundfahrt.

Es gab eine Lesbenwerkstatt 1988 in Dresden.

Dies kann alles als Versuch gewertet werden, auch außerhalb der Kirche sichtbar zu werden.

Die Fahrt nach Ravensbrück

Die Berliner Lesbengruppe traf sich ganzjährig. Für das Thema Sichtbarwerden planten 1984 sie eine Fahrt nach Ravensbrück, dort in der Gedenkstätte des KZ an einer Führung teilzunehmen und einen Kranz niederzulegen. Sie ließen in einem Blumenladen einen Kranz anfertigen mit einer Schleife "Wir ehren die homosexuellen Opfer des Faschismus". Die Situation brachte es mit sich, dass dies noch nie gemacht worden war und deshalb auch nicht verboten war. Im KZ erhielten sie auch eine Führung.

Später stellten sie fest, dass dort, wo der Kranz niedergelegt worden war, ein Loch prankte. Deshalb beschwerten sich die Frauen beim Ministerium der Kultur. Im April kam die Einladung zu einem Gespräch. Im August sollte das Gespräch im Staatssekretariat für Kirchenfragen stattfinden. Eine Frau war eingeladen worden; sechs Frauen gingen hin und ein Pfarrer. Dies wurde als Bedrohung für den Staat angedeutet, denn sie waren kein Verein und agierten außerhalb der Kirche als Gruppe. Kenawi wies darauf hin, dass auch kleine Gruppen Eindruck schinden konnten. Und so wiesen die Frauen darauf 1984 hin, dass sie als Lesben auch Rechte haben. Beschwichtigend wurde zurückgegeben, dass sich um die Angelegenheit gekümmert werde.

Und so fuhren die Frauen 1985 wieder nach Ravensbrück. Diesmal zum offiziellen 40. Jahrestag der Befreiung, an dem auch internationales Publikum anwesend sein würde. Sie hatten wieder Kranz bestellt mit Schleife. Doch diesmal wurde die Gruppe von der observiert. Die Läden wurden darauf hingewiesen, dass wenn ein Kranz bestellt würde, sollte dies gemeldet werden. Der Bahnhof wurde wegen der 11 Frauen abgesperrt. In der Polytechnische Oberschule - POS wurden sie verhört. Sie erhielten die strikte Auflage nicht ins KZ zu fahren.

1986 fuhren die Frauen wieder hin, um einen Kranz niederzulegen. Sie wurden von unauffälligen Männer begleitet.

Die Einheit naht...

Am 30.04.1989 gab es ein Frauenfest im Haus der jungen Talente in Berlin. In Jena trafen sich die Koordinierungsgruppen für die Themen, die dezentral organisiert wurden. Seit dem 9. September 1989 bewegte das Land schon riesige Ausreisewellen.

Noch am 2. Dezember 1989 trafen sich Frauen.

... und für die Handlungsmöglichkeiten...

Seit 1989 durften Frauenvereine gegründet werden, diese waren mit Formalismus beschäftigt. Es wurde mehr abgrenzt, als auf Gemeinsamkeit gesetzt. Das Profilieren wurde wichtiger. Die DDR-Frauen waren es gewohnt, akzeptable Verhandlungsvorschläge gegenüber Behörden zu bringen. Wohingegen im Westen stets mit Extremforderungen gearbeitet wurde. Dieses Anders-agieren-müssen, respektive das endlos reagieren, rieb die Frauen auf.

Die Lesben in der DDR waren andere politische Strategien gewohnt. Wichtig war immer die Sachebene. Es gab direkte Ansprechpersonen. Im Westen wurde vieles auf die Formalebene abgeschoben und wurden so zu Zeitfressern. Die Bedeutung der Medien wurde verkannt, denn zu DDR-Zeiten, brauchte frau nicht um die Presse kümmern. Und die "Stasi kam sowieso".

... keine Zeit mehr

Die Frage, ob sie durch die Wiedervereinigung Trauer verspürt habe, beantwortete Kenawi damit, dass sie zuerst das Scheitern der Utopie verkraften musste. Und dass sie den Verlust von Bewegung betrauerte. Damals gab es das Gefühl, Zeit zu haben für gesellschaftliche Veränderung. Dann kam kam die schnelllebige Zeit... Dennoch mochte sie die Erfahrung nicht missen. Frauen waren meist die Vorkämpferinnen; als dann die erste Veröffentlichung zu Homosexualität herauskam, wurde meist über Schwule und nur ein bisschen zu Lesben geschrieben.


Weiterführende Infos
  • Samirah Kenawi: Frauengruppen in der DDR der 80er Jahre. Eine Dokumentation, Berlin 1995
  • Ursula Sillge: Un-Sichtbare Frauen. Lesben und ihre Emanzipation in der DDR, Berlin 1991
  • Gabriele Dennert, Christiane Leidinger, Franziska Rauchut (Hg.): In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben, Berlin 207
  • Filmdokumentation Warum wir so gefährlich waren, Webseite
  • gigi-online.de Spuren zu Denkmälern
  • lescafe-ffm.blogspot.com Eine ganz persönliche Meinung zu dem Vortrag von Samirah Kenawi
  •   Vorreiterrolle der Ausdifferenzierung lesbischer Gruppen bildete die (kirchliche) "Homosexuelle Selbsthilfe" in Berlin, von der sich die Gruppe "Lesben in der Kirche" abspaltete. Für die weitere Entwicklung war ebenfalls die Gründung einer Lesbengruppe innerhalb des Dresdner kirchlichen Arbeitskreises Homosexualität bedeutsam. Diese organisierte von 1985 bis 1987 jährlich ein Dresdner Frauenfest, zu dem bald auch Frauengruppen im allgemeinen eingeladen wurden. Die Herausbildung eigener lesbischer Gruppen war gleichzeitig Ausdruck der Entwicklung eines eigenen lesbischen Bewusstseins, wie es hierzu wiederum beitrug. Die Tatsache, dass auch allgemeine Frauengruppen an den Treffen teilnahmen und am letzten Treffen sogar organisatorisch beteiligt waren, verweist auf den darüber hinaus reichenden Sachverhalt, dass beide Strömungen, Lesben und nicht-lesbische Bewegungsfrauen, miteinander verwoben waren, durch Netzwerke ebenso wie durch gemeinsame Aktivitäten (Kenawi 1995: 31).

    All diese Erfahrungen beförderten die Emanzipation der Lesben in der Weise, dass sich ab Ende der 80er Jahre eigenständige Lesbengruppen herausbildeten. Vermutlich noch stärker wirkten gruppendynamische Erfahrungen in den schwul-lesbisch gemischten Gruppen:
    „Zu Beginn war unser Kreis noch gemischt, also Lesben und Schwule gemeinsam. Doch nach dem dritten Abend zu einem Lesben-Thema, bei dem die Schwulen in der Diskussion über uns Lesben voll das Wort an sich rissen, bestanden wir auf der Trennung“ (Marika
    Körzendörfer zitiert in Hampele 2000: 51).
    Im Rahmen dieses Abnabelungsprozesse wurde z.B. in Jena eine Gruppe gegründet, die darüber hinaus auch der Rundbrief „Frau anders“ herausgegeben wurde. Andere Gruppen organisierten Lesbenwerkstätten, Feste und Workshops. Qua Arbeitsweise kann man die Lesbengruppen mit den Homosexuellengruppen vergleichen. So wurden thematische Abende zu unterschiedlichen Schwerpunkten veranstaltet. Künstlerinnen wurden eingeladen, Lesungen gehalten. Dabei hat sich abgezeichnet, dass manche Gruppen sich an einer gesellschaftlichen Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Beziehungen orientierten, während sich andere als unabhängig verstanden (Hampele 1990: 9):
    „Wir [...] beschränkten unsere Kritik nicht allein auf den Wunsch nach punktuellen gesetzlichen Veränderungen, die uns lediglich den Heterosexuellen in ihren Zwängen gleichstellt. Infragegestellt wurden von uns die patriarchalen Strukturen, die in der DDR trotz 40 Jahre gesetzlich festgeschriebener Gleichberechtigung der Frau noch weiterhin die Beziehung sowohl zwischen den Geschlechtern, als auch die Stellung der Frau in der Gesellschaft bestimmen.“ (zitiert in Kenawi 1995: 32).
    Erstere Gruppen tendierten dazu, sich in schwul-lesbisch gemischter Form zu treffen, während die Gruppen des zweiten Typs rein weiblich waren.

    Quelle: Diplomarbeit DEMOBILISIERUNG SOZIALER BEWEGUNGEN von Jochen Kleres, 05. März 2002 Seite S. 67f.

Update 03.12.2011

DDR unterm Regenbogen RBB 01.10.2011 Die Dokumentation bietet einen Rückblick auf lesbisch-schwule Geschichte in der DDR und erzählt von Nischen und Ressentiments in der sozialistischen Gesellschaft. Zur Dokumentation Playlist.

Update 6. Mai 2015

Video Lesbische Frauen im Visier der Stasi

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