Mittwoch, 15. Juni 2011

Monika Sperr: Der Tag beginnt mit der Dämmerung

Schwierig zu rekonstruieren, wann ich den Roman Anfang der 80iger las. Auf jeden Fall vor Marlene Stentens Puppe Else (erschienen 1984), aber nach Verschwiegene Liebe - Zur Situation lesbischer Frauen in der Gesellschaft. Komisch: Ich hab damals wirklich schnell ganz viele Bücher soziologischer Natur über das Thema lesbische Liebe gelesen. Naja, manchmal kam das Thema nur am Rand vor, wie z.B. in Tabu Homosexualität. Die Geschichte eines Vorurteils - welches ich wirklich als allererstes las, weil ich es vom Kirchentag 1983 mitbrachte. *erinner*

Der Tag beginnt mit der Dämmerung
IMG_1750-der-tag Der Roman erschien 1983. Erzählt wird über eine beginnende Frauenbeziehung und das Beenden der Abhängigkeit zum Ex der einen. Die Romanhandlung begleitet einen Zeitraum von 1976 bis 1979.

Auffällig ist, die Autorin benutzt für die wörtliche Rede keine Anführungszeichen, was am Anfang etwas erhöhte Aufmerksamkeit von der Leserin erfordert.

Weitere Themen, die im Buch vorkommen, sind u.a. Feminismus (Frauen/ Männer Ungleichheit), Umweltbewusstsein, Angst vor Atom- und anderen Katastrophen. Inhalt

Regine Bodenburg, Journalistin, 34 aus München und Ulrike Drossen, Internistin, 46, aus Berlin, lernen sich im Urlaub auf Bornholm kennen. Regine ist es nicht gleich klar, aber beim Zwischenstopp bei ihrer in Berlin lebenden lesbischen Schwester bemerkt diese gleich, dass Regine sich verliebt hatte. Nach der ersten gemeinsamen Nacht bei Ulrike beginnt die Fernbeziehung Berlin/München. Die Frauen führen abends ihre Telefonate "zum billigen Tarif" (S. 35) - Grüße an die Telekom, das kenn ich auch noch.

Die Problematik der Beziehung ist eine Verbindung, die Regine immer noch mit ihrem Ex, Manuel, verwickelt sein lässt. Dieser hatte klar gemacht, dass es eine Beziehung nicht mehr gibt. Dennoch kehrt er stets bei Regine ein, um sich Trost, Unterhaltung und Unterstützung von ihr zu holen, wenn es gerade mal mit seinen Frauenbeziehungen Probleme gibt. Regine enthält ihm aus unerfindlichen Gründen die Zuwendung nicht.

Nachdem ihr Report über das Thema Kinderheime nicht gedruckt wird, kündigt Regine bei der Zeitschrift und macht sich an ein Buchprojekt zum gleichen Thema. Ulrike bietet ihr finanzielle Unstützung an. Regines Recherchereisen führen sie häufiger nach Berlin, da der Kontakt zu den Kinderheimen über ihre Schwester Zustande kam.
Ulrike muss sie nicht lange unterstützen, denn ein Verlag ist schnell interessiert an der Veröffentlichung eines Buches mit diesem Thema.

Im dritten Jahr der Fernbeziehung überlegt sich Ulrike einen Wechsel in ihrem Leben vorzunehmen und von Berlin nach München zu ziehen, um dort neu anzufangen. Die Arbeit wolle sie nun geruhsamer angehen... Was natürlich völlig gegen ihre Natur ist und sie hängt sich komplett in den Job einer Arbeitsmedizinerin rein, die auf Baustellen die Arbeiter betreut.

Als es darum geht, ob die Frauen zusammenziehen, wird nebenbei entschieden, dass sie dies nicht tun werden (S. 159). Dennoch entscheidet Regine viel über die Einrichtung von Ulrikes sich im Bau befindlicher neuer Wohnung (S. 210).

Nachdem Ulrike eine schwere Operation übersteht, stellt Regine die Frage, ob Ulrike sich doch noch ein gemeinsames Zusammenwohnen vorstellen könne:
Ich liebe dich noch mehr, als ich bisher wußte. Vermutlich wird man sich der Kraft seiner Gefühle oft erst in Extremsituationen bewußt. Jetzt würde ich gern mit dir zusammenleben. In diesen Tagen habe ich viel darüber nachdenken müssen, wie wenig Zeit wir im Grunde füreinander haben.

Monika Sperr: Der Tag beginnt mit der Dämmerung, S. 222
Resümee

Auf der negativen Seite gibt es eine sehr langmütige Ulrike, die erst sehr spät aufzeigt, dass Regines Unentschlossenheit sie sehr verletzt. Ich kann zwar Regines Beharren auf eine Verbindung zu Manuel ein bisschen nachvollziehen - es wird angedeutet, dass Manuel sie sehr unterstützte und weiterbrachte -, aber die emotionalen Erpressungen durch diesen hätten schon viel früher zu eindeutigen Entscheidungen Regines führen können: So droht er ihr, nie wieder zu kommen, nachdem sie mit ihm nicht über seine präsente Frau sprechen wollte (S. 75). Ein andermal entschuldigt er sich mit "Sexstau", nachdem er Regine beinahe vergewaltigte (S. 91). So weit hatte die Frauenbewegung die Frauen noch nicht gebracht, selbstbewusst schneller zu sich zu stehen und für sich einzutreten.

Was mir dennoch auf der positiven Seite an dem Roman auf- und gefiel, war:
  • Es gab keine Infragestellung des Begehrens der Frauen, sondern es war einfach so. Natürlich hatten die Frauen Sex miteinander.
  • Es wurden "Realitäten" aus dem Leben von Frauen dargestellt: sie waren in den Wechseljahren, hatten Rückenschmerzen... Regine hat Unterleibsschmerzen. Beim Besuch der Gynäkologen schlägt dieser eine operative Entfernung der Eierstöcke vor.
    Eine Eierstockentzündung, um diese Jahreszeit sehr häufig. Während er sich wusch, riet er ihr zur operativen Entfernung von Gebärmutter und Eierstöcken, da sie Kinder doch sicher nicht mehr wolle. Wie alt sind Sie jetzt? Siebenunddreißig? Sie nickte, knöpfte stumm die Bluse zu. Der Körper als Ressource. Wie die Natur. Wer hatte kürzlich zu ihr gesagt: Die Profis, nur auf Erfolg und Karriere aus, ruinieren alles. Welchen Grund gab es für einen so folgenschweren Eingriff? Vermutlich war das Operieren weitaus lukrativer als das Untersuchen.

    Monika Sperr: Der Tag beginnt mit der Dämmerung, S. 174
  • Die Frauenbewegung kommt immer wieder vor: Es wird von unbeachteter, unbezahlter Hausarbeit (S. 62) erzählt. Regine hält einen Vortrag über "Müssen Frauen tun, was Männer wollen?" auf dem feministischen Kongress der bei Presse, Funk und Fernsehen beschäftigten Frauen (S. 64). Weiter wird ein Kongress der Fraueninitiaven in Oberhausen erwähnt, bei dem mehr als 1.000 Frauen teilnahmen (S. 85).
Es ist das Lebensgefühl der 70iger Jahre, das dieser Roman transportiert. Vielleicht manchmal zu realistisch, möchte ich meinen.


Monika Sperr
Der Tag beginnt mit der Dämmerung
München 1983

Über die Autorin

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