Mittwoch, 11. April 2012

Lesbenliteratursalon im März

Viermal im Jahr treffen sich kulturinteressierte Lesben in Frankfurt zum Lesbenliteratursalon. Sie diskutieren über neue, alte oder kuriose Trends in der Literatur, die von Lesben bevorzugt gelesen wird.

Thema des Lesbenliteratursalons im März war Biographien von Lesben/Heteras....



k.d. lang


Am Ende des Referates über die Biographie k.d. lang. All you get is me von Victoria Starr, geschrieben 1993/94  (k.d. lang war zum Erscheinungszeitpunkt dieser Biographie 31 Jahre alt) wurde die Frage der Autorisierung einer Biographie gestellt. Denn das Buch sei merkwürdig "quellennachweislos" geschrieben. Inhaltlich brachte das Buch nichts Neues, was es nicht auch in anderen Medien damals zu lesen gab. Auch könne über die Autorin nichts in Erfahrung gebracht werden. Es stelle sich die Frage, da Lesben Anfang der 90iger ziemlich in Mode waren, ob da nicht auf den fahrenden Zug aufgesprungen wurde.

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Angela Steidele


Wenn über Biographien gesprochen wird, dann muss auch die Autorin Angela Steidele erwähnt werden, was an diesem Nachmittag auch getan wurde. Zwei Frauen berichten darüber, dass die Lesung mit Angela Steidele zum Buch "Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens", die ich im übrigen leider gnadenlos verpasst hatte, äußerst genial gewesen sei. Schüttet bitte noch mehr Salz in meine Wunden. *soifz*

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Irische Frauenbewegung


Völlig überrascht hatten mich zwei unangekündigte Buchbesprechungen, die uns auf die Reise nach Irland und der dortigen Frauenbewegung mitnahm.

Das erste Buch war Are you somebody? von Nuala O'Faolain. Das zweite Buch war Nell von Nell McCafferty. Das Spannende an beiden Büchern ist, wie die (Liebes)Beziehung der beiden Frauen, nicht oder doch beschrieben wurde.

Hier ein paar biographische Eckdaten zu den Frauen
  • Nuala O'Faolain (* 1. März 1940 in Dublin; † 9. Mai 2008 ebenda) war eine irische Journalistin und Schriftstellerin. Sie arbeitete zunächst als Universitätsdozentin und als Fernsehproduzentin, bevor sie eine renommierte Kolumnistin der Irish Times wurde. Sie hatte 1996 ihr Coming-out. Diverse Rezensionen zu ihrem Buch Are you somebody? finden sich hier.
  • Nell McCafferty: (geboren 28. März 1944) ist eine irische Journalistin, Schriftstellerin, Bürgerrechtlerin und Feministin. In ihrer journalistischen Arbeit schrieb sie für The Irish Press, The Irish Times, Sunday Tribune, Hot Press und The Village Voice. McCafferty war die erste ihrer Familie, die an die Universität ging und nach dem Abitur begann sie ihre Karriere im Journalismus, was sie zu einer der am meist umstrittenen Kommentatorin Irlands machte. McCafferty veröffentlichte 2004 ihre Autobiographie.

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Ich stellte an diesem Nachmittag drei Bücher kurz vor:
Monika Jäckel: (M)ein bewegtes Leben
Miriam Meckel: Brief an mein Leben
Jane Lynch: Happy Accidents

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Monika Jäckel


Monika Jäckel ist bekannt geworden als eine der Sängerinnen der Flying Lesbians. Ihre Lebensaufgabe jedoch war die Mütterbewegung. Leider ist die Webseite über Monika Jäckel nicht mehr online, da hätten sich noch viele schöne Informationen gefunden.
Die Biographie wurde ihr von einer Freundin geschenkt. Diese Freundin arbeite in einem Verlag, der die Erstellung von Biographien begleitet und diese dann als Bücher verlegt.
Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, da Monika an Krebs erkrankt ist und nicht mehr lange zu leben hat. In den Gesprächsterminen mit der Biographie-Autorin berichtet Monika Jäckel über die einzelnen Schritte ihres Lebens. Am Ende kann das Buch nicht mehr so redigiert werden, wie die Biographie-Autorin es gewohnt ist, da Monika schon zuvor verstarb. Dieses Wissen bewirkte für mich als Leserin schon einen kleinen Kloß im Hals.

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Miriam Meckel


Das Buch von Miriam Meckel hatte auch eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte: Es entstand als Produkt eines zweitägigen Zimmerarrests. Erlaubt war ihr nur das Schreiben.
Das Buch ist irgendwie witzig. Ich hatte mir den Spaß gemacht, auf Amazon vor allem die niedrig gewerteten Besprechungen zu lesen. Ich weiß nicht, welche Enthüllungen diese RezententInnen erwartet hatten und musste über die Enttäuschungen in den Texten ziemlich kichern.
Mich dagegen überraschten zwei intime Momente in dem Buch:
Die Zuneigung, die Miriam Meckel dadurch zeigt, dass sie ein Geschirrhandtuchstofffetzen im Gepäck hatte und es in die Hand nimmt. Dieser Fetzen entstand aufgrund eines intensiven Gespräches mit ihrer Freundin (im Buch, S. 44). Mehr schreibt Meckel nicht darüber. Aber dass sie es erwähnt, ist Auszeichnung genug.

Und dieses Eingeständnis, Seite 164, oben:
Ich weiß, dass ich im Ausdruck meiner Gefühle manchmal eine Analphabetin bin.
Da lachte ich herzhaft auf. Sie bemerkt es selbst. Während der Lektüre musste ich unentwegt daran denken: Sie denkt, sie analysiert, sie theoretisiert. Aber "sie" als Gefühlsmensch, als handelnde und auch reagierende Person ist irgendwo da draußen, lässt sich (anscheinend) nicht berühren. Sie versteckt sich hinter Zitaten.

Am Ende des Buches schreibt sie einen Brief an ihr Leben. Ich fragte mich, als ich das Buch zuklappte, ob sie diesen Brief tatsächlich
  • in einen Briefumschlag eingetütet, 
  • eine Briefmarke draufgepappt hat 
  • und der Post zum Versenden überantwortete. 
  • Um zwei Tage später handschriftlich von ihr als Absenderin zu lesen, was sie für sich als die Adressatin, für ihr Leben wünscht.
Hm.

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Jane Lynch

Das letzte Buch, das ich vorstellte, war von Jane Lynch. Während des Lesens stellte ich fest, dass ich mit ihren Lebensbeschreibungen am besten klar kam. Ja sogar manchmal nachvollziehen konnte, welche Gefühle sie hatte. Da beschreibt sie, dass sie mit großen Schauspielern, z.B. Harrison Ford, zusammen vor der Kamera stand und sich gemerkt hatte, was dieser zu ihr sagte, als es darum ging, wie sie ihren Mund halten sollte, nachdem der Text rezitiert worden war. Ich möchte wetten, Harrison Ford erinnert sich daran bestimmt nicht mehr.

Ihr Leben war immer eindeutig von einem bestimmt: sie wollte Schauspielerin werden. Sie war lesbisch und sie ging auch in Lesbenkreise. Sie kreierte zusammen mit anderen Frauen sogar feministisches Theater.
Sie hatte ihre Schwierigkeiten, da sie glaubte, nur geliebt zu werden, wenn sie erfolgreich ist. Manchmal wurde sie in solchen Situationen sehr anstrengend.
Ein interessantes Moment, das ich tatsächlich mit ihr teilte war, irgendwann entschied sie sich, endlich zur Ruhe zu kommen. Nicht mehr wohnungstechnisch wie eine Studentin zu leben, sondern sich etwas einzurichten. Erst als sie anfing sich im Leben angekommen zu fühlen, da begegnete ihr die Frau... Irgendwie freute ich mich für sie, als ich das las.

Ich hoffe, dieses Buch wird auch auf deutsch herauskommen. Es ist einfach herrlich zu lesen gewesen.

Hier sind ein paar Erinnerungen zum Buch, die ich in meinem Tagebuch notierte:

Jane Lynch: Happy Accidents

9. Januar Ich lese derzeit Jane Lynch Happy Accidents und nehme Anteil an einer Junglesbe, die als Kind lieber ein Junge sein wollte, weil sie nicht so langweilig mädchenhaft sein wollte und die dann immer von einem Helden gerettet werden musste. Sie war lieber selbst dieser Held.
10. Januar Ich lese immer noch die Memoiren von Jane Lynch. Gestern Abend hatte ich schon mal vorgeblättert, und blieb an ihrer beginnenden Beziehung zu Lara hängen. In ihrer Jugend versuchte Jane, anbetungswürdig und gefällig zu sein, um geliebt zu werden. Ungeliebt und zurückgestoßen fühlte sie sich zu Hauf. Häufig war sie es aber selbst, die die Leute zurück stieß. In ihren 20igern tauchte immer wieder ihre "Diva" auf, die alles besser wusste. Mit dieser Seite ihres Ichs war es unangenehm zusammenzuarbeiten. Als sie als Druckmittel, um ihren Willen durchzubekommen, damit drohte, das Ensemble zu verlassen, seufzten die KollegInnen erleichtert auf, als sie es tat.
Dann hatte sie irgendwie nur Glück, Zufälle, Unfälle: sie stand für einen Verkaufssender vor der Kamera und musste improvisieren. Noch erkannte sie nicht, dass dies eines ihrer Talente war.
Und dann über Zufall, Bekanntschaften, kam sie in ein Theater. Dann ein anderes Theater. Sie treten mit der Brady Bunch Revival auf: The Real Brady Bunch. Sind so gut, dass sogar der Autor der Ursprungsshow von der Klage ablässt, die er eigentlich machen wollte. Sie ist erfolgreich. Sie ist um die 30.
Spannend find ich, wie herrlich offen sie davon berichtet, dass sie lesbisch ist/ war. Ihrem "Selbsthass", die Unmöglichkeit genau das leben zu können, was sie ist. Es aber doch zu leben.
Sich nicht gemocht und geliebt zu fühlen. Und dann zu trinken. Sie trinkt täglich. Hat in ihrer Jugend bereits damit angefangen. Ich habe zwei Seiten vorgeblättert, sie wird zu den anonymen Alkoholikern gehen.
13. Januar Irgendwie will ich nach der einen Biographie nicht so schnell die nächste lesen. Wenn ich auch schon reingelesen habe.
Worauf läuft Jane Lynchs Buch hinaus: Sich ein Zuhause schaffen. Sie fängt in ihren 40igern damit an, sich ein Haus zu kaufen, eine Waschmaschine. Weil sie in ihrem Alter nicht weiter wie eine Studentin leben wollte. Ihr Arbeitsleben hat so etwas wie Regelmäßigkeit bekommen: Sie macht Voice Overs, Werbeclips, bekommt tatsächlich Filmrollen. Und sie gestaltet, produziert etc. ein Frauentheaterstück.
Genau in diesem Moment als sie begann, sich einzurichten, für sich etwas zu tun - sie hat auch Haustiere zu sich nach Hause geholt - trifft sie auf einem Kongresse ihre jetzige Frau. Da sie bis dato nur Beziehungen hatte, die längstens zwei Monate gedauert hatten, dachte sie bereits, sie sei beziehungsunfähig.

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