Montag, 28. Mai 2012

Stiche. Erinnerungen von David Small

Stiche Comic-CoverStiche. Erinnerungen
David Small
Taschenbuch: 328 Seiten
Verlag: Carlsen Verlag GmbH
Sprache: Deutsch


Diesen Comic-Tipp erhielt ich wieder durch den Besuch des Comic-Stammtisches.
Und ich kaufte es mir, als ich im Comic-Laden darin blättern konnte. Ich kaufte es auch, weil ich entdeckte, dass es nicht nur schön erzählt und gezeichnet ist, sondern dass es noch einen Nebenschauplatz hat, der mich insbesondere interessiert...

Inhalt

David Small, der Comic-Autor, ist 1945 geboren. Das Comic erzählt von seiner Kindheit und setzt ein, als David sechs Jahre alt ist. Er ist immer wieder krank. Sein Vater, Ed, Arzt in einem Krankenhaus, behandelt ihn regelmäßig mit Röntgenstrahlen.

Mit elf lernt er eine andere Seite seiner Mutter, Betty, kennen. Diese ist sonst eher mürrisch schweigend. Aber “(...) an diesen verzauberten Bridgeclub-Abenden geschah etwas mit meiner Mutter.” (S. 113)

An einem dieser Abende entdeckt bei der Abschiedszene Mrs Dillon eine Wucherung an seinem Hals.

Da es im Haushalt an Geld mangelt, wird eine "zufällige" Untersuchung auf einem Bootsausflug arrangiert. Es sei eine Talgzyste, die operativ entfernt werden sollte. Jedoch wird die Operation verschoben, weil die Eltern mit dem Geld der Beförderung von Ed erst mal an ein neues Auto und Möbel denken.

Mit 14, „Dreieinhalb Jahre nach der ersten Diagnose“ wird David endlich operiert. Nach der ersten in der Nacht vor der zweiten Operation besucht ihn seine Mutter. Sie gewährt ihm eine Bitte, dass er alles haben könne, was er wolle. Er forderte von ihr das Buch " Lolita", dass sie in einer Säuberungsaktion lautstark verbrannt hatte.

Bei dieser Operation wird ein Stimmband zerstört. Am Tisch schweigt nun die ganze Familie. Sie reden zwar nicht miteinander, aber sie machen Lärm mit Trommeln, Geschirrklirren und Schränkeklappen.

Symptomatisch zu diesem Schweigen ist, niemand erzählt David, dass er Krebs hatte. Durch Zufall findet er es heraus und kann nun verstehen, warum am nächsten Morgen nach der zweiten Operation das Buch "Lolita" verschwunden war. Die Aussichten, dass er den Krebs überleben würde, waren nun gegeben. Später durch eine Therapie findet David zu sich und seinen Gefühlen. Mit 16 verlässt er sein Elternhaus.

Resümee

"Stiche" sind die Narbenstiche, aber auch die Stiche, die David in der Familie spürt. Auch könnten die Stiche andeuten, dass die Familie nur notgedrungen mit groben Stichen, so wie seine Wunde nach der Operation vernäht wurde, zusammengehalten wird.

Das Comic ist flüssig erzählt mit sehr schönen Zeichnungen. Davids Gefühle werden eindrücklich dargestellt mit wunderbar skizzierten Traumsequenzen. Oder mit Gleichsetzungen als er in der Therapie das erste mal trauert und weint, weint die ganze Welt um ihn herum.

Eine Stimme zu haben ist nicht gleichbedeutend, das Wichtige zu sagen. Als David schon erwachsen ist, gesteht ihm sein Vater seine "Schuld" ein: Dass er wahrscheinlich durch das dauernde Röntgen, das in den 50er Jahren Usus war, den Krebs bei David hervorgerufen hat. Der Vater hatte darüber immer geschwiegen.

David lernt aber auch die Macht der Stimme kennen: mensch ist in einer sprechenden und hörenden Gesellschaft ohne Stimme nicht vorhanden. Er findet aber einen Weg, um sich anders auszudrücken und bemerkbar zu machen: die Kunst.

Faszinierend an diesem Moment der Stimmlosigkeit ist, was passiert, als der erwachsene David zu seiner im Sterben liegenden Mutter im Krankenhaus fährt, um sich von ihr zu verabschieden. Auf dem Weg zu ihr schreit er im Auto, weil das die Stimmbänder kräftige. Als er ankommt, hat er seine Stimme verloren. Da seine Mutter aber intubiert ist und deshalb auch nicht sprechen kann, nehmen sie schweigend voneinander Abschied. Bei diesen Zeichnungen hat mensch das erste mal das Gefühl, sie sprechen miteinander.

Nebenschauplatz

Eines nachmittags kam David früher als erwartet nach Hause. Er ruft nach seiner Mutter. Erhält aber keine Antwort. Er geht suchend durch das Haus und hört Richtung Schlafzimmer ein Kichern. Als er die Tür öffnet, findet er seine Mutter mit Mrs Dillon vor. Seine Mutter war 43 Jahre alt, als er mit 15 seine Mutter mit Mrs. Dillon überraschte. Am Schluss des Buches, wo seine Familie ein bisschen mit Abbildung und Text beschrieben wird, steht folgendes:
Wenn dies hier ihre Geschichte gewesen wäre, nicht meine, wäre ihr geheimes Leben als lesbische Frau sicher näher beleuchtet worden.
Hm. Ein bisschen hoffe ich, dass David Small genau das macht, ihre Geschichte erzählen. Es würde ein gutes Comic werden.

* * *


Stitches. Trailer zum Comic.



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