Sonntag, 10. November 2013

Christine Brückner: Das eine sein, das andere lieben

Das eine sein, das andere lieben.
Autorin: Christine Brückner
Broschiert: 176 Seiten
Verlag: Ullstein Tb (1983)
Sprache: Deutsch


Inhalt.
Schön kurz und knapp wird der Inhalt auf dem Buchrücken von "Das eine sein, das andere lieben" von Christine Brückner beschrieben:
Auf einer Bahnreise lernt die Schriftstellerin P. einen jungen Mann kennen, der ebenfalls mit Literatur zu tun hat, jedoch weniger erfolgreich ist als sie. Auf der Rückreise sitzt ihr dieselbe Person gegenüber, aber diesmal als Frau. Mario oder Marion - das ist die Frage. Hier wechselt jemand die Rollen, will das alte Geschlechterspiel nicht mitspielen.
Die Schriftstellerin ist so fasziniert von dieser Person, die sie bald als "ihre" Person bezeichnet, dass sie sich von ihr die Erlaubnis einholt, Nachforschungen anstellen zu dürfen und letztendlich auch das Angebot macht, mit an den Lesereisen als Assistenz teilzunehmen.

Zwei in einem und die Grenzen.
Mario(n) stellt ziemlich früh im Roman fest:
"Sie nehmen das alles viel zu ernst. Das Männerspiel, das Frauenspiel."
Quelle: S. 74, Brückner, a.a.O.
Dennoch ist P. von ihrer "Person" fasziniert und möchte alles über sie erfahren. P. ist der Meinung, dass
"(d)ie Überbewertung der Sexualität (...) durch diese Person ebenso absurd gemacht (wird) wie das überbewertete Rollenverhalten von Mann und Frau. Sie spielt beide Rollen!"
Quelle: Brückner, a.a.O. S. 93
Das Spiel mit den Rollen kommt jedoch auch in Grenzbereiche. So hält ihr ihr Ehemann im Gespräch über das Schreibprojekt einen Spiegel vor:
"Ich rate dir von diesem Projekt ab. Für gleichgeschlechtliche Liebe hast du nach meinen bisherigen Erfahrungen kein Gespür."
Quelle: Brückner, a.a.O. S. 95
P. lässt sich davon nicht beeindrucken. Das Geschlechtliche, die Sexualität soll in der Annährung an ihre "Person" außen vor gelassen werden. Dass eine Grenze in P.s Vorstellung erreicht wird, ist dann festzustellen, als Mario(n) ihr erklärt, dass sie schwanger sei. P. zieht sich emotional von Mario (sic!) zurück. Ihre Enttäuschung wird bei einem Telefonat mit ihrem Ehemann von diesem benannt:
"Was hast du? Was ist mit dir los?"
"Mario" - wieder ließ sie das 'n' weg - "ist schwanger."
"Trifft dich das?"
"Ja."
Quelle: Brückner, a.a.O. S.174
Die Schriftstellerin P. lässt sich auf die Irritation, die Mario(n) in ihr auslöst, solange ein, bis etwas geschieht, dass ihre "Person" geschlechtlich festlegt:
"Irgendwoher. Immer willst du wissen, woher. Und ich weiß nicht einmal, wohin."
"Ich habe dir keine Antworten versprochen. Wer schreibt -"
"Stellt alte Fragen neu! Damit redet ihr euch heraus. Du schreibst. Ich lebe. Von nun an habe ich keine Wahl mehr."
Brückner, a.a.O. S. 174
Das Muttersein lässt Mario(n) nicht mehr die Wahl, mit den Geschlechtsrollen zu spielen. 1981 im Roman von Christine Brückner. Und heute?

Leseerlebnis.
Das generische Maskulinum, welches ich hier anmerkte, war zwar vorhanden, aber Brückner hat es hingekriegt, dass dies beim Lesen in den Hintergrund gerät. Spannender war es da, mitzubekommen, wie sie sich ihrer "Person" nähert: Sie befragt die Mutter. Sie geht zum Standesamt. Sie korrespondiert mit alten Lehrern (sic!). Sie lässt sogar Horoskope erstellen.

Manches empfand ich als heftig: War es damals echt so leicht, auf's Amt zu gehen und Auskünfte zu erhalten? Anderes fand ich witzig: Horoskope! P. lässt einen Astrologen Horoskope erstellen und macht dies nicht als Unsinn nieder, sondern beschreibt Astrologie so wie ich es beschreiben würde, müsste ich es denn erklären.

Gestolpert bin ich beim Thema Laufen. Mario(n) trainiert einen homosexuellen Regisseur, um diesen von seiner Lust auf Mario abzulenken. Okay, vielleicht hat Brückner bzgl. Laufen jemanden gefragt, der/die sehr gut im Laufen ist - aber fünf Minuten für den Kilometer ist für einen kurz zuvor untrainierten Mann ein ganz schön heftiges Ziel.

Als ich so über die faszinierende Irritation der Schriftstellerin nachdachte, ist mir mein Erlebnis mit Legolas aus dem ersten Teil Der Herr der Ringe eingefallen. "Enttäuscht" wurde meine Irritation dann, als der Schauspieler Orlando Bloom im nächsten Film eine eindeutige Rolle und Maske hatte.

Resümee.
Ich habe das Buch Anfang der 80iger Jahre gelesen. Und auch jetzt noch hat es mich gefangen genommen. Für ein Buch, welches 1981 geschrieben wurde, hat es schön die Ambivalenz der interessierten Umwelt näher gebracht und bringt damit weitere Denkanstöße.
Es wird in meinem Bücherschrank verbleiben. Und vielleicht lese ich es ja in 30 Jahren wieder.

Weiterer Link zum Buch auf diesem Blog:
Vorbereitung zum Zweitbesuch eines Buches: Brückner - Das eine sein, das andere lieben

1 Kommentar:

  1. Bin seit langem mal wieder hier und stolpere direkt über dieses Buch - landet wohl auch noch direkt auf meiner Ama...-Wunschliste ;-) Danke für den Tipp

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