Sonntag, 13. April 2014

Fachtag „Verfolgung von Homosexuellen in Hessen“

Gedenktafel für die Opfer im Nationalsozialismus in Wiesbaden

Was ist mir wichtig, was möchte ich vom Fachtag im Hessischen Ministerium für Soziales und Integration erinnern?


Lesbische und schwule Sichtweisen


Beim Vortrag "Verfolgung von lesbischen Frauen im Nationalsozialismus" von Elke Kreß und Cora Mohr ist mir aufgefallen, dass ein anderer Blick auf die Zeit eingenommen wurde: Sie berichteten, dass Lesben nicht nur Opfer gewesen seien, sondern sie wären auch Täterinnen gewesen.

So einen differenzierten Blick auf die Zeit vermisste ich bei den Beiträgen zur Schwulengeschichte. Auch lernte ich an diesem Tag, dass bei den Schwulen die Geschichtsforschung mit der Nazizeit aufhört(e). Motiv dieser speziellen Forschung sei unter anderem, den Geschädigten Entschädigung zukommen zu lassen.
Was aber bisher nur bei einem gelungen sei, wie Rainer Hoffschildt über sein Forschungsmotiv in der Diskussion mitteilte.

Kaum erforscht die 50er und 60er Jahre


Ich kam auch zum Fachtag, weil mich die 50er und 60er Jahre besonders interessieren. Leider durfte ich feststellen, dass die Zeit kaum erforscht ist. Vielleicht auch wegen des Schocks, der mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1957 entstanden sein könnte, vermute ich während ich das hier niederschreibe. Vielleicht fehlt(e) dadurch das Motiv zur Forschung?

Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1957 sind Schwule keine Opfer des Nationalsozialismus mehr, sondern sie sind sanktioniert durch das bundesverfassungsrechtliche Urteil "Täter" und werden z.B. von Nachbarn etc. denunziert.

Plötzlich war es Ende der 50er Jahre wieder legitim, gegen Schwule vorzugehen. In den Jahren zuvor nach dem Kriegsende war die Strafverfolgung durch die Polizei verhalten. Es gab noch keine Rechtssicherheit im Umgang mit Schwulen. Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts wurde nun festgestellt, dass der §175 StGB mit dem Grundgesetz vereinbar sei. Der Paragraph sei kein speziell nationalsozialistischer Paragraph.

Jetzt seien wir in der Rechtsansicht weiter: Art. 2 des Grundgesetzes hätte auch damals gewahrt werden müssen. Aber in den 50ern wurde noch mit der vorherrschenden Meinung, dem Sittengesetz, repräsentiert durch die christlichen Kirchen, im Recht argumentiert. Auch gab es einen fast nahtlosen Übergang mancher Nazirichter ins Amt der jungen Bundesrepublik.

Keine schwule Forschung ohne Opfer?


Auf meine Frage, ob Schwule sich in den 50er und 60er Jahren zum Selbstschutz öfter verheirateten, konnte keine eindeutige Antwort gegeben werden. Sie hätten dann halt erst später herausgefunden, dass sie schwul seien. Die Meinung, respektive der gesellschaftliche Druck bzgl. Familie sei groß gewesen.

Ich dachte so für mich: Darf nicht angedeutet werden, dass Schwule durch die Umstände auch zu "Täter der anderen Art" wurden, indem sie "Weibergeschichten" anfingen oder gar heirateten - auch wenn alle dadurch unglücklich wurden? Dass sie nicht nur Opfer waren? Da (bisher) nicht darüber geforscht wird, bleibt die Frage unbeantwortet.

Quintessenz


Die Diskussion tangierte auch immer wieder die Jetztzeit. Es sei wichtig, dass über die Nazizeit geforscht würde, weil sich das nicht mehr wiederholen dürfe.
Die Gegenwart zeigt, dass es immer mehr Fälle gibt, bei der genau das Denken der Nazizeit wieder eingenommen würde. Es sei auffallend, dass Meinungen, die die ganze Zeit "politisch korrekt" unterdrückt wurden, wieder salonfähig werden: "Man dürfe das ja doch noch sagen". Wegsperren wird als Heilungsmethode erachtet. Mädchen, die ihren Eltern mitteilten, dass sie lesbisch seien, werden für diese Offenheit mit Hausarrest bestraft. Unterschriften werden gegen Schwule gesammelt.

Ich stelle für mich wieder fest: Wir sind nie in der Gesellschaft wirklich angekommen.



Programm des Fachtages
10:00 Begrüßung durch Herrn Staatssekretär Jo Dreiseitel, Bevollmächtigter für Integration und Antidiskriminierung, Hessisches Ministerium für Soziales und Integration (HMSI), krankheitsbedingt vertreten durch dessen Persönliche Referentin Bettina Schreiber
10:15 Vorstellungsrunde/Aktuelles/Erwartungen
10:30 Vortrag Emanzipation und Verfolgung homosexueller Männer im heutigen Hessen (mit Schwerpunkt Nationalsozialismus und die Zeit danach) von Rainer Hoffschildt, Hannover
11:15 Vortrag Verfolgung von lesbischen Frauen im Nationalsozialismus von Elke Kreß und Cora Mohr, Frankfurt/Main
12:00 - 13:00 Mittagspause
13:00 Vortrag Verfolgung homosexueller Männer in Frankfurt/Main von Christian Setzepfand, Frankfurt/Main
14:00 - 14.15 Pause
14:15 Kurzvortrag Polizei und Homosexuellenverfolgung von Peter Jüngling, Hanau
14:45 Diskussionsrunde mit Rainer Hoffschildt, Peter Jüngling, Elke Kreß, Cora Mohr und Christian Setzepfand
Moderation:
Ulrich Bachmann , Referatsleiter im Hessischen Ministerium für Soziales und Integration (HMSI), und
Peter Friedl , Darmstadt
Quelle: Fachtag „Verfolgung von Homosexuellen in Hessen“

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