Freitag, 6. Juni 2014

Sappho I

Montag, den 6. VI. '83
Salve!
Wenn das stimmt, was ich denke, was ich bin, weißt du, dann steht es ziemlich schlecht um mich. Beim Spaziergang ist mir aufgegangen, daß ich nicht ganz normal bin. Du, ich begehre ein Mädchen und weißt du, was das heißt, ich bin lesbisch! Sappho, Sappho, was mach ich nur? Ich hoff nur, daß das nicht stimmt. Aber ich hab sie so lieb. Ich muß mich mit dem Gedanken abfinden. Das ist wohl der einzige Weg. Die Kunst muß einfach zu meiner Geliebten werden. Ansonsten seh ich da keinen Ausweg.
Ave, für heuteEin mysteriöser Tagebucheintrag einer Teenagerin von vor 31 Jahren. Die Schreiberin spricht eine uralte, imaginäre, jedoch auf einer realen Person basierende, Lyrikerin an.
Die Autorin kann damit leben, dass Sappho als Namensgeberin für die sapphische Liebe steht. Sie hat kein Problem damit, dass der Wirkort der Lyrikerin - Lesbos - das Wortgrundgerüst für die Bezeichnung homosexueller Frauen ist. Aber mit der negativen Konnotierung in Abgrenzung zur "Normalität" hat die junge Schreiberin ein unerwünschtes Thema mit in der Persönlichkeitsfindung.
Ruheort Text, in dem Verzweiflung und Sehnsucht nebeneinander stehen können.

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