Freitag, 16. Oktober 2015

Buchmesse Tag 1:
Sklavisches Tabu

Ich hatte mir meine Termine für die Frankfurter Buchmesse 2015 hoffnungsvoll zusammen gestellt. So sollte ich einen guten Plan haben, wie die Messe für mich ablaufen sollte. Dass es dann anders kam, begründet sich auch mit den Erlebnissen des ersten Tages.

Alleine noch auf die Veranstaltung wartend schrieb ich:
Open Stage ist etwas kalt. Ich hoffe, das Gespräch dauert nicht gar zu lang. Auf der Leinwand zeigen sie Vorschauen zu diversen Kinderfilmen. Es tönt laut aus den Lautsprechern. Ich warte auf Sklave des Geschlechts? Ich glaub, bei dem Wetter kommen nicht so viele hier nach draußen. Hab ich schon geschrieben, dass es regnet? Ich bin tough. Sitze hier. Es zieht.
Natürlich.
Es tropft.
Unaufhörlich.
Der Atem bildet Nebel. Außergewöhnlich.
Fein. Ich bin die einzige Hörerin. Und die Presse ist auch da.

Sklave des Geschlechts? Zwischen freiem Willen und genetischer Prägung

Letztendlich waren ein paar mehr Leute da, die sich für das Thema interessierten. Gutmütig geschätzt vielleicht 20 Personen.

Auf dem FR-Panel sollten eine Anthropologin, ein Hirnforscher und eine Transgender-Aktivistin mit Bascha Mika diskutieren. Der Hirnforscher entpuppte sich als Evolutionsbiologe Thomas Junker und die Transgender-Aktivistin war der Travestie-Künstler Jutta P alias Jürgen Peusch („Gerdas Kleine Weltbühne“), die Anthropologin blieb Anthropologin, Ingelore Ebberfeld.  

v.l.n.r.: Bascha Mika, Thomas Junker, Ingelore Ebberfeld und Jutta P alias Jürgen Peusch

Ich höre etwas von Sonderbegabungen der Geschlechter und fremschäme mich unentwegt. (Die wollen akademisch gebildete Leute sein?) Es werden Klischees bedient - hier mal nur dieses eine: Frauen seien für Sprache talentierter und Mathe sei für Männer einfacher. Der Gesellschaftseinfluss wird in der Diskussion immer wieder zurückgedrängt. (Was habe ich mir bei diesem Thema nur gedacht?)

Dann überraschte mich die Anthropologin mit folgendem Statement: wenn schon ein schlechter Mann auf dem Posten säße, so könne das bei einer 50:50-Verteilung auch gern eine schlechte Frau sein. Ich lasse diese Veranstaltung jetzt mal so positiv beendet beschrieben.

Andere und weitere Infos zum Panel finden sich auf fr-online.de: Sexualität lässt sich nicht umstellen


T(r)opical Issues: Women and Taboo

Für diese Veranstaltung durfte ich das Forum mit dem Indonesien-Pavillon aufsuchen. Der Ort war beeindruckend. Für die Veranstaltung selbst wurde ein Kopfhörer für die Simultanübersetzung benötigt. Meiner war leider an einer Seite kaputt, so dass mir die Hörer immer wieder von den Ohren rutschte.

v.l.n.r.: Intan Paramaditha, Oka Rusmini und Moderatorin
 Intan Paramaditha, Autorin von Spinner of Darkness & Other Tales und Oka Rusmini, Autorin von Erdentanz berichten über ihr Schreiben in der indonesischen Gesellschaft.

Das Label „Schriftstellerin“ schränke ein. "Frau" würde mit "Sex" gleichgesetzt. Diese Vorstellung, sie könne nur über Sex schreiben, verhindere, dass unterschiedliche Blickwinkel eingenommen würden. Sie schrieben auch über Genderfragen und Sexualität, Sexualität und Religion.

Am Ende fragt die Moderatorin, ob die beiden Autorinnen auch Diskriminierung, Anfeindungen, Anmache erfahren hätten. Ich hab nicht alles verstanden, aber so im großen und ganzen verneinten sie es. Außer, naja, diese Gleichsetzung von Frau mit Sex. Dann fragt die Moderatorin ins Publikum, ob es noch Fragen gäbe. Woraufhin ein Typ sich meldet. Ein älterer Typ. Spricht indonesisch. Er fängt an kundzutun, dass ja noch im 19. Jahrhundert die Frauen auf Bali barbusig unterwegs gewesen seien. Wie sie sich fühlen würden, wenn sie das heute noch müssten. Oka Rusmini antwortete lange. Leider gab es bei der Simultanübersetzung Probleme, so dass ich nicht genau mitbekam, was sie sagte.

Dann fragte die Moderatorin wieder: Noch Fragen? Dem Typ muss die Antwort nicht wirklich gefallen haben oder er wollte die Frauen noch mehr beschämen und fing wieder das Thema mit der Barbusigkeit an. Diesmal mit neuer Einleitung, heißt anderes Jahrhundert. An den Reaktionen der Autorinnen war abzulesen, dass ihnen das gar nicht gefiel. Aber dann kam von der Erdentanz-Autorin eine geniale Reaktion: Sie werde diese Frage nicht beantworten.

Es war grandios. Genial. Ich würd gern wissen, was durch ihren Kopf gegangen ist, als die Frage schon wieder gestellt wurde. Schließlich hatte sie vorher schon lange und breit geantwortet ohne auf den sexuellen Aspekt oder die Erniedrigung, was der Typ wohl erwartete, einzugehen. In ihrer Antwort ging es um Freiheit. Politik. Selbstbestimmung. Aber nicht um Sex.

Resümee vom Mittwoch, dem ersten Buchmesse-Tag

Draußen geht bei diesem Wetter gar nicht.
Und Kopfhörer mit Simultanübersetzung ist schwer gewöhnungsbedürftig.
Ich habe alle Veranstaltungen, die andeuteten, dass Simultanübersetzung gemacht werden müsste, von meiner Veranstaltungsliste gestrichen.

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