Sonntag, 20. Dezember 2015

Mit Carol ist endlich ein Lesbenfilm im Mainstream-Kino angekommen... Moment!

Es braucht eine Highsmith, einen Haynes, eine Blanchett, eine Mara, damit ein Lesbenfilm einmal ganz großes Kino im Mainstream wird. Es ist diese hochkarätige Mixtur, die diesen Film ermöglichte: die ausgezeichnete Autorin Patricia Highsmith, der ausgezeichnete Regisseur Todd Haynes und die ausgezeichneten Schauspielerinnen Cate Blanchett und Rooney Mara und das gebildete Heteropublikum freut sich, mal einen tollen alternativen Film anschauen zu dürfen.

Zum Inhalt

Es ist Anfang der 50er Jahre. Therese (Rooney Mara) arbeitet über Weihnachten in der Kinderspielabteilung eines Kaufhauses. Eines Tages bedient sie Carol (Cate Blanchett), die sich gerade von ihrem Mann scheiden lassen will und um das Sorgerecht für ihre Tochter kämpft.

Meine Kritik

Fangen wir mit der vielbeschworenen Visualisierung der 50er Jahre an. Zu sehr verweilte und schwenkte die Kamera auf die Ausstattung der 50er. Jedoch sah alles so aus, als käme es aus der Zeit und ist bis zum Film gealtert: die Tapeten waren vergilbt, die Puppen sahen gebraucht und auch schon 60 Jahre in Aufbewahrung aus. Die Menschen wirkten in ihren Kostümen verkleidet. Die meisten Männer jedenfalls sahen aus, als würden sie nicht in die Wäsche passen und/oder sich nicht darin wohlfühlen.

Sowieso der Stellenwert im Film, der den Männern zukam. Im Buch zeigte Highsmith auch Thereses Bezug zu den Frauen um sie herum. Sie war jung, ohne viel Erfahrung, am Beginn ihrer beruflichen Karriere, aber fähig.
Und sie hatte schon sexuelle Erfahrung gemacht: im Buch wird darüber gesprochen, dass sie mehrfach Sex mit Richard, im Film dargestellt von Jake Lacy, hatte. Richard, der sie heiraten wollte, der mit ihr nach Europa reisen wollte, den sie aber nicht liebte. Die sexuelle Erfahrung war die Folie vor dem die Erfahrung mit Carol lag: alles machte mehr Sinn, traf sie tiefer, was Therese mit Carol erlebte. Schon früh hatte sie für sich festgestellt, dass sie in Carol verliebt ist.
Im Gegensatz zum Buch wurde Therese im Film nur als die Unentschiedene, Unsichere ohne Erfahrung jeglicher Art, sei es beziehungstechnisch oder beruflich, inszeniert. Alle konnten mit ihr machen, was sie wollten. Und es wirkte fast so, als käme der lesbische Sog nur von Carol, nicht auch von ihr.

Der Film schwächelte in der Darstellung der Anziehung beider Frauen. Zwei europäische Filme, die auch in den 50er Jahren spielen: Entre Nous (F, 1983) und Between two women (GB, 2000) zeigen das weibliche Begehren besser und intensiver. Da ist es Haynes nicht gelungen mir, der Lesbe mit so einiger Lesbenfilm-Kuck-Erfahrung, dieses Begehren glaubhaft zu zeigen.

Dennoch stach für mich Mara in der Darstellung der Therese überall positiv hervor. Sie war eine hervorragende Therese. Blanchetts Leistung wurde besonders stark, als Carol ihren Monolog vor den Scheidungsanwälten und ihrem Mann führte und zu sich und ihren Gefühlen für Therese stand.

Und dann der Schluss, die Blicke, die verstehend, fordernd, lächelnd ausgetauscht wurden: es wird ein Happy End. Die Zuschauerin genießt den Moment des kommenden Happy Ends und der Film wird schwarz. Einfach so. Ende. So endet auch das Buch, Carol und Therese sehen sich an und Therese geht auf Carol zu. Aber wir können noch Thereses Statements lesen, dass es immer Carol sein wird, egal wo, egal wie.

Resümee

Endlich nach über 60 Jahren seit Veröffentlichung des Buches "The Price of Salt" von Patricia Highsmith (damals noch unter Pseudonym) und nach 10 Jahren der Filmvorbereitung kam die langerwartete Verfilmung eines Lesbenklassikers heraus. Da schmerzen der Lesbe die Beteuerungen der Macherinnen in den Medien, das Thema sei universal, der Film sei ein Liebes-, KEIN Lesbenfilm.
Das ist eben nicht wahr. Die Geschichte funktioniert nur, weil zwei Frauen sich in einer Zeit ineinander verlieben und begehren, in der es auch für Frauen gesellschaftliche Ächtung und Verluste bedeutete. Im Film verfolgten wir, was Carol alles tun musste, um im Kampf um das Sorgerecht für ihre Tochter doch noch eine Chance zu erhalten: nach der Entdeckung ihrer lesbischen Liebesgeschichte ließ sie Therese los und unterzog sich psychiatrischer Behandlung. Ihre Eigenschaft als gute Mutter wurde von der Umwelt in Frage gestellt. So ein Inhalt kann und muss auch einem Heteropublikum zugemutet werden.

Carol ist ein Lesbenfilm, schaut ihn euch an!

  

Carol
Laufzeit: 1 Std. 58 Min.
Kinostart: 17. Dezember 2015
Regie: Todd Haynes
Mit Cate Blanchett, Rooney Mara, Sarah Paulson

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