Samstag, 11. Juni 2016

Von den 50er Jahre und 60er Jahre Mitte der 90er berichtet

Was habe ich da denn gefunden? Zwei übriggebliebene Kapitel einer längst vergessenen Zeit - in vielerlei Hinsicht. Vergessen für die Frauen in der Gegenwart und vergessen für die Autorin der Vergangenheit.
Und so las ich etwas über die 50er und 60er. Der Text ist krumm geschrieben, aber die Autorin hat mit Mühe in den 90ern studiert. So.

2.1. 50er Jahre
"Als unverheiratete Frau war man nur ein halber Mensch."
(Meyer, S. 92)
Sieben Millionen Frauen in Deutschland hatten ihren Mann durch den II. Weltkrieg verloren oder sie fanden aufgrund des 'Männermangels' keinen Ehepartner. Ein Drittel aller West-Berliner Haushalte hatte keinen männlichen 'Haushaltsvorstand'. (Meyer, S. 92)
Mit der Rückkehr der Männer wurden die Frauen in verheiratete und alleinstehende aufgeteilt.

"Der Begriff 'alleinstehend' kennzeichnet heute wie damals Frauen, die ohne Mann leben, das heißt, entweder ihren Mann verloren hatten, keinen Partner finden oder nicht heiraten wollten." (Meyer, S. 92)
Im Rahmen der 'Normalisierung' der Verhältnisse konnte definiert und festgeschrieben werden, was 'nicht normal' war. Die in den letzten Kriegsjahren gegründeten Frauenhaushalte wurden Notlösung genannt. Viele Wohnungen waren im Krieg zerstört worden, so daß die Frauen zusammenzogen. Diese Wohnraumnot dauerte in den 50er Jahren noch an.

"Noch 1950 lebte die Hälfte aller Haushalte in Berlin (West) in Untermietverhältnissen und auch 1955 gab es noch immer Notunterkünfte."
(Meyer, S. 95)
Die Frauengemeinschaften wurden 'minderwertig' genannt und waren vor allem 'wenig erstrebenswert'.

"Was vorher kollektives Schicksal einer überwiegenden Mehrheit von Frauen war, wurde nun zum Anlaß der Ausgrenzung und später zunehmenden Diskriminierung derer, die allein, d. h. Witwe oder unverheiratet waren und blieben." (Meyer, S. 97)
Die Frauen litten unter den 'spezifischen Diskriminierungen' ihrer Lebensform als Alleinstehende. Meist waren es nur "kleine Unachtsamkeiten" (Meyer, S. 98), die die Lebensfreude einschränkten.

"(A)lleinstehenden Frauen (wurde) ohne männlichen Begleiter das Betreten von Restaurants erschwert. Diese sexistische Ausgrenzung war noch bis weit in die 60er Jahre hinein üblich." (Meyer, S. 98)
Zu Beginn der 50er Jahre verlor das 'Hamstern' und der Tausch von und mit Waren, womit die Frauen ihren Lebensunterhalt sicherten, an Bedeutung. Der Geldwert stabilisierte sich. Die Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt nahm für viele Frauen bedrohliche Formen an. Bei der Stellenbesetzung wurden in den späten 40er und frühen 50er Jahren Kriegsheimkehrer bevorzugt. Die Frauen erhielten 1/3 des Lohnes der Männer. Das Risiko, arbeitslos zu werden, war für Frauen groß und bedeutete finanzielle Not nicht nur für die 'Alleinstehenden'. Eine Entlassung traf auch ihre Angehörigen, da die alleinstehenden Frauen meist nicht 'allein' waren, sondern Kinder, Eltern oder Verwandte mitzuversorgen hatten.
Diese Lebenssituation bewirkte bei den Frauen und Mädchen, daß für sie Ausbildung und Berufstätigkeit zur Selbstverständlichkeit wurde, auch wenn sie diese nur als eine 'Übergangsphase' sahen. Das wachsende Angebot an Frauenarbeitsplätzen wirkte ebenso mit wie die "Erfahrung der Mütter im Krieg, daß eine Ehe letztlich doch keine sichere Lebensperspektive bot." (Pallowski, S. 29) Aufgrund dieser - durch die Not verursachte Selbständigkeit der Frau - ließen sich viele Frauen nicht mehr so einfach in die klassischen Frauenrollen bzw. an den heimischen Herd zurückdrängen. Auch die Mädchen, die in diesen Familien ohne männlichen Haushaltsvorstand aufwuchsen, wurden nicht auf die Unterordnung unter den Mann hin erzogen, "und es konnte kaum ausbleiben, daß sich bei ihnen der Blick für patriarchalische Verhaltensweisen schärfte." (Pallowski, S. 28)
Die 'Männerlosigkeit' der Lesben fiel in den 50er Jahren zwar nicht auf, die spezifische Diskriminierung der alleinstehenden Frau traf sie ebenso; aber zusätzlich wurden sie zu sexuellen Monstern degradiert. In einer Broschüre, die 1951 in tausendfacher Auflage kostenlos verteilt wurde, forderte der Autor die Kriminalisierung der lesbischen Liebe: "'Und lesbische Liebe ist strafwürdig; deren Straflosigkeit ist inkonsequent!'" (Böhmer, S. 239) Der in der Nazi-Zeit noch verschärfte §175 galt nur für homosexuelle Männer. Die Stigmatisierung wirkte sich aber auch für die Frauen aus (Böhmer, S. 239).
Eine "(b)ekanntgewordene Homosexualität war in den Fünfziger- und Sechzigerjahren ein Entlassungsgrund, selbst ein Gang zum Arbeitsgericht half nicht." (Böhmer, S. 239)
Die Wissenschaft in Deutschland tat sich schwer mit der objektiven Untersuchung der lesbischen Liebe. Die Untersuchungen waren von den Vorurteilen der meist männlichen Wissenschaftler geprägt. Titel wie 'Die Kriminalität der lesbischen Frau' von Prof. Dr. Hans von Hentig (1959) ließen nichts Gutes ahnen. Die Kinsey-Reporte 'Das sexuelle Verhalten des Mannes' (amerik. 1948) und 'Das sexuelle Verhalten der Frau' (amerik. 1953) wurden in der deutschen Fachöffentlichkeit abgelehnt (Kokula, S. 119). Diese Kinsey-Reporte bestätigten in gewisser Hinsicht die 'Normalität' der lesbischen Frau. Es wurde nicht über Monstrositäten berichtet und von den Frauen verlangt, in Therapie zu gehen oder anderweitig sich kurieren zu lassen (Kokula, S. 119).
Das Leben der Lesben war durch 'Privatheit' geprägt. Die meisten Frauen 'organisierten' sich in Cliquen, die häufig schon in der Weimarer Zeit gebildet wurden. Die Aufnahme fand nur über persönliche Kontakte statt. Meist waren es ältere Frauen, die sich so zusammen fanden. Lesben, die keinen Zugang in diese Cliquen fanden, mußten 'Herumexperimentieren', um eine Freundin zu finden. Die Frauenlokale waren in den sog. Rotlichtdistrikten einer Stadt angesiedelt, dies war für ein starkes Selbstbewußtsein nicht gerade förderlich. (Kokula, S. 110)

2.2. Die 60er Jahre


Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurde in den 60er Jahren vielseitig diskutiert. Das bedrohte Ansehen der Nur-Hausfrau sollte angehoben werden. Im Bericht über die Situation der Frau in Beruf, Familie und Gesellschaft vom September 1966 wird die Vielfältigkeit im Haushalt angesprochen und die damit verbundene Berufung der Frauen:
"Angesichts der Vielfalt geistiger und körperlicher Leistungen, die von der Hausfrau verlangt werden, erscheint es nicht verwunderlich, wenn demoskopische Untersuchungen ergeben haben, daß auch heute noch die Mehrzahl aller Frauen ihre Tätigkeit in Haushalt und Familie als Lebensaufgabe und Berufung verstehen..." (Langer, S. 113)
Elisabeth Pfeil stellt in ihrer Untersuchung fest, daß die
"Identifikation mit der Rolle der Familienmutter (...) vollkommen (ist); diese Frauen haben das Gefühl, ihr eigenstes Wesen darzulegen, wenn sie sich entsprechend der gesellschaftlichen Rollenerwartung verhalten, (...)." (Langer, S. 116)
Schöngeredet wird die Last der Haushaltführung mit einem innerfamiliären Matriarchat, das aber empirisch nicht zu finden war. (Langer, S. 128) Die Ehefrauen konnten höchsten 'bei größeren Einkäufen' mitbestimmen.
"Das wirtschaftliche und geltungsmäßige Übergewicht des Mannes zieht de facto eine ihn begünstigende Autoritätsstruktur nach sich." (Langer, S. 127)
Die Berufstätigkeit der Frau hieß für Ehefrauen sich für die Familie und gegen den Beruf oder den Beruf und gegen die Familie zu entscheiden. (Langer, S. 120) Die gesetzlichen Grundlagen für die Frau ließen ihr, wenn sie geheiratet hatte, kaum eine Wahl. Im BGB lautet der dazu entsprechende §1356, der noch bis 1977 galt folgend:
"Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist." (Langer, S. 114)
Es war ein Scheidungsgrund, wenn die Frau ein vor der Ehe gegebenes Versprechen, die Berufstätigkeit aufzugeben und sich nur noch dem Mann zu widmen, brach. (Langer, S. 124)
Die sexuelle Emanzipation der Frau ließ die Institution der Ehe unangefochten. Zwar erhöhte die persönliche Glückserwartung die Scheidungsquote, die zur Korrektur der falschen Partnerwahl genutzt wurde, aber die Wiederverheiratungsquoten waren sehr hoch. Das Anrecht der Frau auf sie 'befriedigende Beziehungen' wurde ihr zugestanden. (Langer, S. 125) Diese Emanzipation wurde sicherlich durch die Möglichkeit der Empfängnisverhütung gefördert. (Langer, S. 125f.) Die Schreckensmeldungen über die Gefährlichkeit der Antibaby-Pille zeugte von der Angst der Männer, daß die Frauen ihr sexuelles Schicksal selbst bestimmen könnten.
"So war Dr. Martin Loeb, Soziologe an der Universität von Wisconsin der Ansicht, die 'Antibabypille' gefährde die führende Rolle des Mannes in der Familie'. Die Frau gewinne dadurch eine 'bisher dem Mann vorbehaltene Planung der eigenen Zukunft'. Es gehe nicht an, daß die Frau die Möglichkeit erhalte, die Familienplanung allein zu bestimmen." (Langer, S. 126f.)
Noch Anfang der 60er Jahre wird die Straflosigkeit der lesbischen Frau mit dem 'Männermangel' begründet:
"Bei dem zwar geringen, aber immerhin bestehenden Männermangel ist die Frau der Möglichkeit ausgesetzt, keinen m„nnlichen Geschlechtspartner zu finden; außerdem entspricht es eher der weiblichen Psyche, an dem zarten Körper und an dem Gemüt eine anderen Frau Gefallen zu finden als vielleicht an den Muskeln und dem härteren Wesen eines Mannes. Deshalb hat es der Gesetzgeber vorgezogen, den vielleicht sonst unbefriedigten Gefühlen einer Frau ein Ventil zu belassen." (Meixner/Helldörfer: Kriminalität und Sexualität. Hamburg 1961, S. 38)
Auf die Beständigkeit der Beziehungen lesbischer Frauen wird verstärkt hingewiesen, um den Unterschied zu den homosexuellen Männer aufzuzeigen, die 'triebhafter' seien.
Das Tabu der Sexualität wird entblößt und der amerikanische Autor, der auch beim Kinsey-Report mitgearbeitet hatte, kann berichten:
"Der Gebrauch eines Penisersatzes ist aber auch hier - und dies wird die Eitelkeit mancher Männer verletzen - sehr selten."
(Gebhard, S. 40)
Er kann von der höheren Orgasmusraten in lesbischen Beziehungen berichten.
Für den deutschen Autor ist es dagegen wichtig darauf hinzuweisen,
"daß dem weiblichen Körper ein Instrument für aktiv-forcierter Zugriff genitaler Art fehlt. Die meisten homosexuellen Praktiken unter Frauen erschöpfen sich in mehr oder weniger äußerlichen Liebkosungen." (Giese, S. 131f.)
Argumentationshilfe ist ihm hierbei der Sexualwissenschaftler Krafft-Ebing, der im 19. Jahrhundert Fälle von Lesben bearbeitete.
Ein besonderes Problem in der Sexualwissenschaft ist das Rollenspiel. Das m„nnliche Aussehen der Lesben wird hergehoben. Begründet wird dies mit der gesellschaftlichen Rolle, die die Frau einnehmen muß, da sie für sich selbst sorgen muß. Die Öffentlichkeit sei durch den Mann geprägt worden.
"Auch die Bereiche, die für die Frau reserviert wurden, hat der Mann ihr reserviert."
(Giese, S. 132)
Es findet eine Verbindung statt von der Aktivität in der öffentliche Teilnahme an der Gesellschaft durch das Erwerbsleben und der ausgeübten Sexualität, die nicht unmännlich gedacht werden kann (Giese erwähnt die Prothese, die von einem kleinen Teil der Lesben zu Hilfe genommen werden soll, S. 132), wenn sie nicht 'wirkungslos' bleiben soll. Dies im Widerspruch zur Feststellung des amerikanischen Autors, Gebhard, der einerseits festhielt, daß Penisersatze nicht genutzt werden und der auch festhielt, daß es zwei Typen, nämlich männlich und weiblich gäbe, aber daß
"(d)iese Rollen (...) nicht dauernd fixiert (bleiben), man kann häufig einen Rollenwechsel beobachten, vor allem dann, wenn ein Partnerwechsel erfolgt. Es ist aber nicht zu übersehen, daß sehr viele homosexuelle Frauen ein solches Rollenspiel nicht entwickeln und es als völlig sinnlose Imitation des heterosexuellen Lebens betrachten." (Gebhard, S. 41)
2.3. Zusammenfassung

Für die Zeit der 50er Jahre läßt sich festhalten, daß die Frau sich in einer neuen Art und Weise erfahren hat. Sie erlebte sich in einem neuen Selbstbewußtsein und erfuhr eine Frauensolidarität, die plötzlich mit der Rückkehr der Männer aufgehoben wurde. Doch die vormals anerkannte Geschlechterhierarchie wurde in Frage gestellt. Dennoch wurde das Merkmal Zugehörigkeit zum Mann wieder zum trennenden Punkt, einschneidend wurde dies für die Lesben.
Die Frau wurde mit dem Ausschluß aus dem öffentlichen Leben zum privaten Wesen. Mit Macht wurde die Frau von den 'Konservativen' wieder an den heimischen Herd verwiesen.
An diesem Platz finden wir sie in den 60er Jahren. Die meisten Frauen haben diese Ideologie verinnerlicht. Für sie war es ihre Bestimmung für Mann, Kinder und Haushalt zu sorgen. Doch die erlebte Diskrepanz von Eintönigkeit im Haushalt und dem Berufsleben wurde entweder herabgesetzt, es würde nicht existieren oder die Vielfältigkeit des Haushalts und privaten Lebens hervorgehoben.
Eine Gefahr sahen die Männer für die traditionelle Familie in der Bestimmungsmöglichkeit über den Kinderzuwachs in der Familie. Die Frau hatte die Möglichkeit sich sexuell zu emanzipieren.
Das Tabu der Sexualität wurde gebrochen. Auch wenn in Deutschland speziell die überkommenen Anschauungen über Lesben vorherschte und die Empirie nicht zum Zug kam. Gegen Ende der 60er Jahre änderte sich die Situation für die Lesben. Es wurde erkannt, daß nicht ihre Homosexualität sie anders machte, sondern die Gesellschaft sie in die Situation preßte.


Quellen

MEYER, Sibylle/ Schulze, Eva: Von Wirtschaftswunder keine Spur. Die ökonomische und soziale Situation alleinstehender Frauen. In: Delille, Angela (Hg.): Perlonzeit: Wie die Frauen ihr Wirtschaftswunder erlebten. West-Berlin 1985, S. 92 - 98
GEBHARD, Paul Henry/ Giese, Hans/ Raboch, Jan: Die Sexualität der Frau. Reinbek bei Hamburg 1968
GEBHARD, Paul Henry: Die weibliche Sexualität. In Gebhard, P./ Giese, H./ Raboch, J.: Die Sexualität der Frau. Reinbek bei Hamburg 1968, S. 34 - 42
PALLOWSKI, Katrin: Leben im halben Zimmer. Jugendzimmer. In: Delille, Angela (Hg.): Perlonzeit: Wie die Frauen ihr Wirtschaftswunder erlebten. Westberlin 1985, S. 23 - 29
BÖHMER, Ulrike/ Kokula, Ilse: Die Welt gehört uns doch! Zusammenschluss lesbischer Frauen in der Schweiz der 30er Jahre. Zürich 1991
KOKULA, Ilse: Wir waren irgendwie unaufrichtig. Lesbisch leben in den 50er Jahren. In: Frauen untereinander. Dokumentation der Offenen Frauenhoch-schule 10.05. - 21.05.1989. Wuppertal, S. 105 - 119
LANGER, Ingrid: Vor dem Aufbruch. Die soziale Stellung der Frauen in den 60er Jahren. In: Becker, Bärbel (Hg.): Frauen in den 60er Jahren. "Unbekannte Wesen". West-Berlin 1987, S. 113 - 129
MEIXNER/ Helldörfer: Kriminalität und Sexualität. Hamburg 1961
GIESE, Hans: Die Sexualität der Frau. In: Die Sexualität der Frau. Reinbek bei Hamburg 1968, S. 120 - 132

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