Samstag, 1. Oktober 2016

Familiengründung als Mittel zum Zweck

Entwurf:

'Mein Vater.' Seitdem ihr Vater tot ist, denkt und sagt sie diese Worte häufiger. Sie wollte keinen Kontakt mehr zu ihm. Sie bereute es damals nicht und bereut es auch heute nicht. Es ist eine Befreiung zusagen: „Mein Vater ist tot.“ und das auch glauben zu können.

Ihr Vater gründete – wie schon ihr Großvater vor ihm – eine Familie, damit es ihm besser ging. Die Kinder hierbei waren Mittel zum Zweck. Natürlich unterstellt sie diese Motiv beiden, wenn sie so  die Hintergründe der Geschehnisse anschaut. 
Ihr Großvater floh in den letzten Kriegswirren des 2. Weltkriegs aus dem deutschen Teil von Prag und lernte in einem norddeutschen Auffanglager eine Polin, die Großmutter, kennen. Die Tochter hat das noch nicht erforscht, aber wahrscheinlich ging es Familien mit Kindern besser im Flüchtlingslager und sie hatten Aussichten auf diverse Zuweisungen. Das ist so dieser Familie nicht geschehen. Sie wurden umgebürgert und landeten in Frankfurt. 

Frankfurt war nach dem Krieg und in den 50er Jahren DIE Schwulenmetropole in Deutschland. Ihr Vater zog es Anfang der 60er in die Nähe dieser Stadt. Und er hielt die Augen offen, um die passende naive Frau zu finden mit der er eine Sandfamilie gründen könnte und so die Umwelt zu blenden. Die Tochter glaubt nicht, dass er geplant hatte, dafür so viele Kinder zeugen zu müssen bis der Schwiegervater in spe der Eheschließung endlich zustimmte. Denn mit einer Eheschließung seiner Tochter verlor der Großvater einerseits ein Einkommen, auch wenn diese bereits mehrfache Mutter war und selbst für eine Familie sorgen musste. Und andererseits, vielleicht hatte er ein Gespür dafür, was für ein miserabler Mensch ihr Vater war... Das Schwule an ihm war dabei seine beste Eigenschaft, denkt sich die lesbische Tochter.

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